12/2019
Arthritis und Arthrose beim Pferd
Teil IV

5. Maßnahmen und Vorbeugung
Eine Diagnose kann z.B. durch Palpation, Röntgen und einem Synovialpunktat mit zytologischer, biochemischer und mikrobiologischer Analyse bestätigt werden. Die Behandlung gehört zwingend in die Hände eines Tierarztes Ihres Vertrauens. Dieser entscheidet nach eigenem Ermessen z.B. Ruhe/Stallruhe, Arbeitspause, kontrollierte Bewegung etc. Folgende Maßnahmen haben sich bewährt:

5.1 Kiefergelenk

5.1.1 akute seröse Kiefergelenkentzündung
* Ursache muss abgestellt werden
* die ersten 24 h kühlen
* tierärztliche Betreuung

5.1.2 pyogene Kiefergelenkentzündung
* tierärztliche Betreuung

5.1.3 chronisch-deformierende Kiefergelenkentzündung bzw. Arthrose
* tierärztliche Betreuung
* äußerlicher Einsatz von Salben

 
5.2 Schultergelenk
5.2.1 Omarthritis acuta
* sofortige Ruhigstellung
* kühlende Salben, Anstriche, Eisbeutel, häufige Kühlung mit Wasserschlauch
* nach 48 h durchblutungsfördernde Einreibungen sowie feuchte Wärme
* heparinhaltige Salben und Antiphlogistika zur lokalen Entzündungshemmung und Durchblutungsförderung
* tierärztliche Behandlung

5.2.2 Omarthritis purulenta
* sofortige Ruhigstellung
* kühlende Salben, Anstriche, Eisbeutel, häufige Kühlung Wasserschlauch
* nach 48 h durchblutungsfördernde Einreibungen sowie feuchte Wärme
* heparinhaltige Salben und Antiphlogistika zur lokalen Entzündungshemmung und Durchblutungsförderung
* weitere tierärztliche Behandlung

5.2.3 Omarthritis chronica deformans
* Behandlung kann nur auf funktionelle Wiederherstellung zielen
* Ruhigstellung für 3-4 Monaten
* durchblutungsfördernde Einreibungen
* Hyaluronsäure oder sein Natriumsalz (Hyaluronat) einsetzen
* evtl. operative Maßnahmen durch Arthroskopie zur Entfernung freier Körper im Gelenk
* Korrektur des Beschlags
* Futterumstellung bei Übergewicht
* weitere tierärztliche Behandlung

 
5.3 Ellenbogengelenk
5.3.1 Arthritis cubiti
* Ruhigstellung
* weitere tierärztliche Behandlung


5.4 Karpalgelenk

5.4.1 Arthritis acuta purulenta carpi
* nach Ausspülen und antibiotischer Versorgung sofort nähen
* mit Verband ruhig stellen * Antibiotikatherapie
* weitere tierärztliche Behandlung

5.4.2 Carpitis aseptica acuta und Carpitis chronica deformans
* zu Beginn Injektionen mit Hyaluronsäure und anschließende Ruhepause für 4-6 Wochen
* bei beginnender chronica deformans stark durchblutungsfördernde Einreibungen mit anschließender Schonung von 2-3 Monaten
* weitere tierärztliche Behandlung

5.5 Fesselgelenk
5.5.1 Arthritis aseptica acuta
* Ruhe
* weiche und tiefe Einstreu
* die ersten 2-3 Tage kühlende Verbände
* danach feuchtwarme Umschläge
* orthopädischer Beschlag
* Injektion von Hyaluronsäure
* Entzündungshemmer und dann Ruhigstellung für 4-6 Wochen
* evtl. Arthroskopie von Absprengungsfrakturen
* weitere tierärztliche Behandlung

5.5.2 Arthritis infectiosa

* sofortige Behandlung!
* Antibiotikagaben
* evtl. Arthroskopie und Gelenkspülung
* weitere tierärztliche Behandlung

5.5.3 Arthritis et Periarthritis chronica deformans
* orthopädischer Beschlag
* Entzündungshemmer
* Ruhigstellung von mindestens 4 Wochen
* weitere tierärztliche Behandlung

5.5.4 Arthritis chronica serosa und Hydrops articuli phalangis proximalis
* je nach Ursache, jedoch
* Ruhigstellung
* Hyaluronsäuregaben
* weitere tierärztliche Behandlung

 
5.6 Krongelenk
5.6.1 Arthritis aseptica acuta
* 24-48 h kühlen
* ausreichend Einstreu und alle 3 Zehengelenke unter Verband ruhig stellen
* mindestens 8 Woche Pause
* Operation bei Chip-Frakturen
* weitere tierärztliche Behandlung

5.6.2 Arthritis infectiosa
* Antibiotikatherapie
* Wundverschluss
* Ausspülung nur unter Narkose
* weitere tierärztliche Behandlung

5.6.3 Arthritis et Periarthritis chronica, Arthrose
* in Bezug auf anatomische Wiederherstellung unheilbar
* Anfangsstadium Hyaluronsäuregaben
* stark durchblutungsfördernde Behandlung und anschließender Weidegang für etwa 12 Wochen können erfolgreich sein

* weitere tierärztliche Behandlung

5.7 Hufgelenk

5.7.1 Podarthritis aseptica acuta
* Hufgelenkanästhesie als Heilanästhesie, wenn kein Frakturverdacht vorliegt
* evtl. vorangegangene kühlende ruhigstellende Verbände, nach 3. bis 4. Tag feuchte Wärme
* Hyaluronsäuregabe
* Boxenruhe mit tiefer, weicher Einstreu
* weitere tierärztliche Behandlung

5.7.2 Podarthritis infectiosa
* sofortige Wundversorgung und steriler fixierender Verband
* bei voller Standbelastung Verbandswechsel nach 8-10 Tagen
* Belastung schlecht, alle 3-4 Tage
* sofortige Antibiotikabehandlung
* wenn möglich, Ausspülung an nicht infizierter Stelle
* weitere tierärztliche Behandlung

5.7.3 Podarthrose/Podotrochlose-Syndrom
* anatomisch nicht heilbar
* Hyaluronsäuregaben und danach 2-3 Monate Ruhepause
* evtl. Neurektomie bei Hobbypferden möglich
* weitere tierärztliche Behandlung

5.8 Wirbelgelenk
5.8.1 Spondyloarthrosis deformans, Spondyloarthropathia deformans
* Punktation
* Behandlung unter Ultraschallkontrolle mit Hyaluronsäure
* Osteopathie oder Chiropraktik
* Akupunktur, Physiotherapie inkl. Bewegungstherapie; Magnetfeldtherapie u.a.
* weitere tierärztliche Behandlung

5.9 Hüftgelenk
5.9.1 Coxarthritis
* geräumige Laufbox
* Behandlung mit Hyaluronsäure
* evtl. tägliches Spülen und Antibiotikagabe bei Verdacht auf septische Entzündung
* Chipfrakturen können entfernt werden
* weitere tierärztliche Betreuung

5.9.2 Coxarthrose
* jegliche Therapie ist sinnlos
* evtl. Stuten zur Zucht, jedoch analgetische Langzeittherapie erforderlich
* weitere tierärztliche Behandlung fraglich

5.10 Kniegelenk
5.10.1 Gonitis acuta
* sofortige Ruhigstellung in Laufbox mit weicher Einstreu
* auch wenn Lahmheit nach bis zu 10 Tagen verschwindet, sind 4 Wochen Ruhe angezeigt
* bei frischen und älteren Wunden das Gelenk in Allgemeinnarkose spülen und nähen
* weitere tierärztliche Behandlung

5.10.2 Gonarthrose
* Laufbox
* Hyaluronsäure
* Verbesserung des Beschlags
* kontrolliertes Bewegungsprogramm und evtl. gleichzeitige Schmerztherapie
* weitere tierärztliche Behandlung

5.10.3 Gonitis chronica
* Herausnehmen des verknöchernden Meniskus
* tierärztliche Behandlung

5.10.4 Gonotrochlose
* operativer Eingriff im Frühstadium in Form einer Arthroskopie, wenn losgelöste Knorpelstücke frei im Gelenk schwimmen oder auf Grund des Röntgenbefundes an der Synovialmembran hängend vermutet werden
* anschließende Hyaluronsäurebehandlung
* in fortgeschrittenen Fällen kann nach Diagnose nichts getan werden
* weitere tierärztliche Behandlung fraglich

5.11 Sprunggelenk
5.11.1 Spat, lokale Periarthritis et Osteoarthrosis tarsi
* Behandlungen zielen darauf ab, Lahmheit teils durch Beschleunigung einer Ankylosenbildung, teils durch allgemeine oder lokale Schmerzausschaltung zu beseitigen
* optimale Mineralstoffversorgung vor allem während Aufzucht
* orthopädischer Beschlag
* Neurektomie bzw. OP anderer Art der Exostosen bzw. der Spatstelle
* weitere tierärztliche Behandlung

5.11.2 chronisch-deformierende Entzündung des Tarsus
* Ruhe und dazu feuchte Wärme und Mikrowellentherapie in geringgradigen Fällen
* orthopädischer Beschlag
* weitere tierärztliche Behandlung

5.11.3 aseptische akute oder chronische Arthritis
* Stallruhe
* Arbeitspause von mindestens 4 Wochen
* warme Verbände
* tierärztliche Behandlung

5.11.4 idiopathische infektiöse Sprunggelenkentzündung, purulente Arthritis
* tierärztliche Behandlung

5.11.5 Haemarthros
* Stallruhe nach tierärztlichen Vorgaben
* Auflagen
* weitere tierärztliche Behandlung

5.11.6 akute Peritarsitis
* Stallruhe nach tierärztlichen Vorgaben

5.11.7 chronisch-deformierte Arthritis und Periarthritis des Tarsus
* in geringgradigen Fällen Ruhe und feuchte Wärme und Mikrowellentherapie
* orthopädischer Beschlag
* tierärztliche Behandlung

 

 Arthritis und Arthrosen vorbeugen
1. Aufzucht
* verantwortungsvolle Zucht
* stets bedarfsdecke Versorgung der Mutterstute mit Energie, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen
* von Fohlenbeinen an Bewegung und Spiel in altersgerechter Herde
* Vermeidung von energiereicher, mastiger Fütterung (wie hohe Getreidemengen)
* bedarfsgerechte Versorgung ab Fohlenbeinen an mit Energie, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen
> Bewegung ist besonders wichtig für die gesunde Entwicklung des Muskel- und Bewegungsapparates
> schnelles Wachstum mit unzureichender Nährstoffaufnahme sowie zu wenig oder einseitige Bewegung begünstigen bereits im frühen Pferdealter die Ausbildung von Gelenkproblemen


2. Haltung

* freie und kontinuierliche Bewegung ohne Reiter und ohne enge Wendungen, deshalb
* täglich ausgedehnter Weidegang auf möglichst großen Flächen in homogener und friedlicher Gruppe sowie
* Haltung z.B. im Paddock Trail oder Aktivstall
* weiche und vor allem ausreichende Liegeflächen
* Verletzungen u.ä. ausreichend ausheilen lassen
> durch unregelmäßige Bewegung und langes Stehen, kommt es zur Unterversorgung des Knorpels und somit häufig zu Knorpelschäden

3. Training
* sorgsames und schonendes, nicht zu frühes Anreiten junger Pferde
* sorgfältiges Warmreiten und Abreiten im Schritt von mindestens 10-15 Minuten und das auch im Hochsommer!
* regelmäßige und moderate, den Bodenverhältnissen angepasste, Bewegung an frischer Luft

4. Fütterung
* Vermeidung von Übergewicht!!!
* artgerechte und bedarfsgerechte Versorgung mit Energie, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen (viel Raufutter ohne hohen Zuckeranteil, wenig Stärke und Leckerlis)
* tägliche Gabe eines hochwertigen Mineralfutters, welche auf die übrige Fütterung abgestimmt ist
* kurmäßige Gabe gelenkaktiver Nahrungsbausteine, Antioxidantien und Omega- 3-Fettsäuren
* kurmäßige Gabe von Kräutern, Vitalpilzen oder Knospen
* enges Ca:Ph Verhältnis in der Gesamtration
* Vermeidung großer und übermäßiger Kraft- oder
Mischfuttermengen sowie zuckerhaltige Futtermittel (siehe oben)
* Vermeidung von Grund- und Kraftfuttermittel mit hohem Phosphoranteil (wie z.B. Silage, Mais oder
Weizenkleie)

5. Hufpflege und Gesundheit
* fachgerechte, korrekte und regelmäßige, mindestens alle 6 Wochen (!), Bearbeitung der Hufe
* frühzeitig Stellungskorrekturen
* mit Verstand impfen und entwurmen
* regelmäßige Zahnkontrolle und ggfs. Behandlung, mindestens 1 x im Jahr
* regelmäßige Behandlung von Osteopath, Chiropraktiker, Physiotherapie

Merke: Eine Arthrose ist nicht heilbar, jedoch kann ein Fortschreiten verhindert/ verlangsamt und dadurch einer weiteren Verschlechterung entgegengesteuert werden.